die bunten
mauern von Montreal

Nirgendwo auf der Welt zeigt sich das aktuelle Interesse an Straßenkunst wohl besser als in Montreal. Die Hauptstadt Québecs ist gleichzeitig Hauptstadt der kreativen Köpfe: Das ganze Jahr über reiht sich ein Festival ans andere. Doch wer einfach nur Lebensfreude pur und bunte Farben gepaart mit etwas sozialem Engagement erleben möchte, der muss im Juni nach Montreal kommen, wenn das alljährliche „Mural Festival“ das Stadtzentrum mit seiner Kunst verzaubert
text Cherry Maslen

„Giant Squid“

von JASON BOTKIN

Optichromie for Montreal

von FELIPE-PANTONE

The Seven Deadly Sins

von buff monster

Pony Boy

von Stikki Peaches

Ohne Titel

von Klone Yourself

Refugee Crisis

von Roadsworth

Montreal gilt mittlerweile als größter Schauplatz für die nordamerikanische Graffiti- oder Straßenkunstszene, die sich vergleichsweise rasant aus einer bunten Mischung von Graffiti, kreativer Selbstverwirklichung und Gesellschaftskritik heraus entwickelt hat. Zudem entstand daraus eine lebhafte Diskussion über das Wesen der Kunst: Wann ist Graffiti Kunst und wann Sachbeschädigung? Straßenkunst stellt vor allem einen Nährboden für künstlerische Kreativität dar, so dass die Graffiti-Sprayer von heute oft die international angesagten Künstler von morgen sind.
Das alljährliche internationale Mural-Kunstfestival findet jedes Jahr im Juni in Montreal statt. Angefangen hat das heutige Großereignis 2013 als ein kleines Projekt der dortigen Kunstszene in Zusammenarbeit mit dem Verband der in der Nachbarschaft ansässigen Geschäfte. Mittlerweile dauert das Festival elf Tage und lockt neben kanadischen auch weltbekannte Künstler aus Europa, 
Australien, Israel und den USA an.

„In meiner Kunst spiegelt sich vor allem mein Leben als Einwanderer wider. Das große Thema is dabei meist Identität.“
Klone Yourself

In diesem Jahr konnten Besucher und Einheimische die Künstler dabei beobachten, wie sie sich mit ihren Kunstwerke „live“ an den Häuserwänden und auf den Bürgersteigen der Straßen und Gassen rund um den Saint-Laurent Boulevard – der als eine der Hauptverkehrsstraßen von Montreal auch als „The Main“ bezeichnet wird – verewigten. Zu den immer noch zu bewundernden Arbeiten der letzten Jahre kamen damit 20 neue hinzu, die sich nach Absprache mit den jeweiligen Eigentümern teilweise sogar über mehrere Gebäude erstrecken. Dank der vielen Musikevents, Essensstände und der Einbeziehung der lokalen Geschäfte und Restaurants wurde dem Stadtteil wieder neues Lebens eingehaucht und gleichzeitig Montreals internationaler Ruf als cooles und angesagtes Reiseziel gefördert.

Der einheimische Künstler Jason Botkin, Kodirektor des in Montreal gegründeten Künstlerkollektivs EN MASSE, hat nicht nur in Kanada, sondern auch schon in den USA und Europa ausgestellt. In diesem Sommer hat er für seinen farbenfrohen, surrealistischen „Riesentintenfisch“ einfach den Bürgersteig zur Leinwand umfunktioniert. „Zum ersten Mal habe ich wirklich direkt auf den Bürgersteig gemalt“, so Jason Botkin. „Es sind oft Fußgänger vorbeikommen, die so sehr mit dem Bildschirm ihres Handys beschäftigt waren, dass sie mitten durch die frische Farbe gelaufen sind und eine Regenbogenspur hinter sich hergezogen haben. Aber das war überhaupt nicht schlimm, denn es hat zu vielen spannenden Gesprächen geführt.“
16.muralfestival.com

„Ich bin ein großer Verfechter des Gedankens, dass Kunst im öffentlichen Raum für ein größeres Zusammengehörigkeitsgefühl sorgt und die Menschen an ihre Träume erinnert, stark zu sein, dazuzugehören und nach vorn zu schauen.“
Jason Botkin

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Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Winter 2016

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