Stephen Hawking

Ein Triumph des Intellekts über alle Widrigkeiten. Der Königliche Astronom
Martin Rees würdigt Leben und Wirken Steven Hawkings 

Schon bald nach Beginn meines Promotionsstudiums 1964 an der Universität Cambridge begegnete ich einem Kommilitonen, der etwa vier Semester über mir war. Das Gehen fiel ihm schwer und er konnte sich nur mit großer Mühe artikulieren: Stephen Hawking. Ich erfuhr, dass er an der degenerativen Erkrankung ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) litt und den Abschluss seiner Promotion wohl nicht mehr erleben würde. Schon allein mit solch einer Krankheit weiterzuleben, glich einem medizinischen Wunder, doch Stephen Hawking hat es zudem als einer der wohl bekanntesten Wissenschaftler unserer Zeit zu Weltruhm gebracht. Er leistet nicht nur herausragende Forschungsarbeit, hat zahlreiche äußerst erfolgreiche Werke über das Universum, die Zeit und den Kosmos verfasst, sondern steht vor allem für einen zutiefst beeindruckenden Triumph des Intellekts über die ärgsten Widrigkeiten des Lebens.

Stephen Hawking war während seiner Studentenzeit in Oxford nicht gerade für seinen Fleiß bekannt, dennoch schloss er sein Studium dank seiner Begabung mit hervorragenden Noten ab und legte damit den Grundstein für seine Forscherlaufbahn in Cambridge. Bereits wenige Jahre nach Beginn seiner Erkrankung war er an den Rollstuhl gefesselt und konnte sich nur noch krächzend äußern, sodass er lediglich von wenigen engen Freunden und Kollegen verstanden wurde. Doch in anderen Bereichen meinte es das Schicksal gut mit ihm, und so heiratete er seine Kommilitonin Jane Wilde, die sich liebevoll um ihn und ihre drei gemeinsamen Kinder kümmerte. Der preisgekrönte Film „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ aus dem Jahr 2014 zeigt das Schicksal der beiden und erzählt ihre Geschichte im Gegensatz zu vielen anderen Filmbiographien so authentisch, dass sogar Stephen und Jane Hawking von der Darstellung begeistert waren.

Im Laufe seiner Forschungen konnte er einen Erfolg nach dem anderen verzeichnen. Schnell gelangte er zu einer Reihe von Erkenntnissen über die Beschaffenheit Schwarzer Löcher (eine damals völlig neue Theorie) und die Entstehung unseres Universums. Mit nur 32 Jahren wurde er 1974 in die britische Akademie der Wissenschaften („Royal Society“) aufgenommen. Sein Zustand hatte sich mittlerweile so stark verschlechtert, dass viele davon ausgingen, dass er zu weiteren wegweisenden Forschungsarbeiten nicht in der Lage sein würde. Doch Stephen Hawking stand erst ganz am Anfang. Wir arbeiteten in demselben Gebäude, und oft bat er mich, nachdem ich ihn in seinem Rollstuhl ins sein Büro geschoben hatte, irgendein abstruses Buch zum Thema Quantenphysik für ihn aufzuschlagen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er für die Wissenschaft über den Aufbau und das Verhalten von Atomen nicht viel übrig gehabt. Manchmal saß er dann dort stundenlang völlig regungslos, denn er konnte ja noch nicht einmal allein umblättern. Dennoch gelangte er in nur einem Jahr zu seiner wohl bisher bahnbrechendsten Erkenntnis in Form einer Gleichung, die er sich auch als Gravur auf seinem Grabstein wünscht.
In der Wissenschaft bestehen die großen Meilensteine in der Entdeckung von Zusammenhängen zwischen Phänomenen, die bis dato als völlig unabhängig voneinander galten. Genau solch ein Durchbruch gelang Stephen Hawking mit der Entdeckung eines Zusammenhangs zwischen Schwerkraft und Quantenphysik, demzufolge die Schwarzen Löcher nicht ganz und gar schwarz sind, sondern auch Strahlung abgeben können. Allerdings käme diese Strahlung nur bei Schwarzen Löchern vor, deren Masse geringer als die von Sternen sei, und solche sind bisher noch unentdeckt. Dennoch ist die „Hawking-Strahlung“ zu einem entscheidenden Konzept der Mathematischen Physik geworden. Sogar eine der wesentlichen Erkenntnisse der Stringtheorie baut auf dieser grundlegenden Annahme auf. Auch 40 Jahre nach dieser Entdeckung ist das große Interesse an diesem Thema ungebrochen, und damit nach wie vor Gegenstand vieler wissenschaftlicher Auseinandersetzungen. Einen Nobelpreis erhielt er jedoch mangels eines experimentellen Nachweises seiner Theorie noch nicht.

„Anders als unser Intellekt verdoppeln Computer ihre Leistung alle 18 Monate. Daher ist die Gefahr real, dass sie Intelligenz entwickeln und die Welt übernehmen.“

Stephen Hawking in seinen Zwanzigern

Während seiner gesamten Forschungstätigkeit war Stephen Hawking an der Universität Cambridge beschäftigt und wurde schließlich Ende der 70er-Jahre auf einen der wohl angesehensten Lehrstühle der Universität berufen: Wie einst Isaac Newton wurde er Lucasischer Professor für Mathematik. 30 Jahre lang machte sich Stephen Hawking um diesen Lehrstuhl verdient, bis er 2009 berentet wurde. Seitdem hat er eine Forschungsprofessur inne und ist weiterhin auf der Suche nach Zusammenhängen zwischen dem ganz Großen (dem Weltraum) und dem ganz Kleinen (den Atomen und der Quantentheorie), wobei er sich insbesondere mit dem Ursprung unseres Universums und der Frage beschäftigt, ob unser Urknall wohl der einzige war.
Seit 1985 ist Stephen Hawking nach einem Luftröhrenschnitt infolge einer Lungenentzündung nicht mehr in der Lage, sich mündlich zu äußern. Vor seiner Operation hatte er gerade einen Entwurf zu seinem Buch fertiggestellt, von dem er hoffte, dass es seine Theorie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen würde: „Eine kurze Geschichte der Zeit“. Mit diesem Werk führte er vier Jahre lang die Bestseller-Listen an.
Mittlerweile eilt Stephen Hawking überall auf der Welt sein Ruf voraus. Seine Erkenntnisse sind in seinen wunderschön bebilderten Werken „Das Universum in der Nussschale“ und „Der große Entwurf“ ausführlich dargelegt. Er war in zahlreichen Fernsehsendungen zu Gast, hat eine Reihe von Vorträgen u.a. in der Royal Albert Hall in London, aber auch in den USA und Japan gehalten. Unter Bill Clinton hielt er sogar einen Vortrag im Weißen Haus und wurde zur Verleihung der „Presidential Medal of Freedom“ durch Präsident Obama erneut dorthin eingeladen – eine Ehre, die bisher nur wenigen Nichtamerikanern zuteil wurde.
Der Kinofilm „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ zeigt mit viel Feingefühl den Druck, der aufgrund seiner Berühmtheit und der erforderlichen Dauerbetreuung durch ein ganzes Krankenschwesternteam auf ihm und seiner Ehe lastete und wie diese schließlich daran zerbrach. Der Film beruht auf der Romanvorlage von Jane Hawking über die 25 Jahre ihres Lebens, in denen sie Stephen Hawking beruflich wie privat nach Kräften unterstützte. Hier endet auch der Film, der somit nur einen Ausschnitt aus Stephen Hawkings Leben erzählt.

Denn nach seiner Trennung von Jane Hawking heiratete er seine ehemalige Krankenschwester Elaine Mason. Allerdings hielt diese Beziehung nur wenige Jahre, und seitdem kümmern sich eine Reihe von Mitarbeitern, persönliche Assistenten und seine Familie um ihn.
Doch warum ist er zu so einer „Kultfigur“ geworden? Offenbar fasziniert die Vorstellung eines genialen Intellekts,
der sich über körperliche Grenzen hinwegsetzt und geistig die grenzenlose Weite des Universums erforscht, viele Menschen. Er ist alles andere als der typische eigenbrötlerische, in seiner eigenen Welt lebende Wissenschaftler – ganz im Gegenteil. Sein Wesen ist bemerkenswert unbeeindruckt geblieben von seinem Frust über seine körperliche Behinderung. Neben seinen Forschungsreisen, von denen er sich einfach nicht abbringen lässt, geht er sehr gern ins Theater und in die Oper. Er verfügt über einen  gesunden Menschenverstand und hat sehr klare politische Ansichten, die er auch jederzeit entschieden vertritt. Die Schattenseite großen Ruhmes besteht allerdings oft in der übersteigerten Aufmerksamkeit, die einem dann zuteil wird.
Doch trotz all diesem Druck und diesen vielen Hindernissen setzt er sich entschlossen für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ein. Auch bei Schicksalsschlägen anderer zeigt er sich stets emphatisch und mitfühlend.
Besonders beeindruckend waren die Bilder, die ihn während eines Parabelflugs der NASA in der Schwerelosigkeit zeigen. Er schien überglücklich, wenigstens für einen kurzen Augenblick der Erdanziehungskraft, die er schon jahrzehntelang erforschte und die seinen Körper auf so grausame Weise gefangen hielt, zu entkommen. Auch danach stand er noch zu seinem Wunsch, einmal als „Weltraumtourist“ ins All zu reisen.

Astronomen sind den Umgang mit großen Zahlen ja gewohnt. Aber es gibt wohl kaum eine Zahl, die so groß ist, als dass sie die geringe Wahrscheinlichkeit widerspiegeln könnte, mit der ich es angesichts Stephen Hawkings „Todesurteil“ im Jahre 1963 für möglich gehalten hätte, dass er uns die nächsten 50 Jahre mit diesem unglaublichen Feuerwerk
revolutionärer wissenschaftlicher
Erkenntnisse begeistern würde.

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Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Frühling 2017

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Stephen Hawking: Eine kurze Geschichte der Zeit